Am 26. und 27. November 2009 im Hotel Vier Jahreszeiten, Westerland/Sylt Weitere Informationen unter: www.sylter-runde.de
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Memorandum Sylter Runde
Herausforderungen an die vierte Gewalt -
Wird der Journalismus kaputt-getwittert?
Ausgangslage
Mit der Sylter Runde werden in losem Abstand gesellschaftlich relevante Themen
im Expertenkreise aufgearbeitet. Lösungsansätze werden diskutiert, gefordert
und wo möglich auch verfolgt. Die Ergebnisse, niedergeschrieben in
Memoranden, leben durch die Kraft ihrer Argumente. Sie sind
Meinungsäußerungen der Teilnehmer, nicht mehr, nicht weniger. Das gilt auch
für dieses „Journalismus-Memorandum“.
Die vierte Gewalt gehört wie Exekutive, Legislative und Judikative, zu den
essentiellen Stützen jeder demokratischen Grundordnung. Doch sie ist auf das
Wort angewiesen und auf die Menschen, die für es stehen. Daher ist sie schwach.
Der Übergang vom gedruckten zum digitalen Wort stellt die vierte Gewalt vor
neue Herausforderung. Der demokratisch strukturierte Rahmen, den sie braucht,
ist in einer globalisierten Welt, die zu einem Großteil aus Staaten besteht, die
nicht unseren Status haben, nicht als gegeben vorauszusetzen. Dadurch wird sie
in ihrer Bedeutung, die sie über die Länder- und politischen Grenzen hinaus hat,
begrenzt.
Die Menschen, die für den Journalismus stehen, die Reporter, Redakteure,
Essayisten, Kommentatoren, Analysten, aber auch die in den Verlagen, Manager,
Vertriebsleute, Anzeigenverkäufer sind auf die Veränderungen durch das Internet
häufig nicht vorbereitet. Die technische Entwicklung erfolgte für viele zu schnell
und überraschend. Das Massaker von Winneden brachten nicht Reporter,
sondern Nutzer der Twitter-Plattform unters Volk. Die Bilder vom Widerstand der
Iraner übermittelten keine Kameras, sondern videotaugliche Handys.
Ist das die Zukunft? Wird der professionelle Journalismus kaputt getwittert? Es
geht um sein Überleben, jedenfalls das des Journalismus, wie wir ihn kennen und wie er im Grundgesetz Artikel 5 gemeint ist. Da wir ihn so dringend brauchen,
müssen wir uns alle den erkennbaren und dringenden Herausforderungen stellen.
Wie sind diese zu konkretisieren? Gibt es eine schlüssige Anamnese? Wo liegen
sinnvolle Antworten und erfolgversprechende Maßnahmen? Was ist jeweils auf
medialer, technologischer, professioneller, wirtschaftlicher und schließlich auch
politischer Ebene zu tun?
Der aktuelle Medienwandel
 Legende:
Q= Quelle; J = Journalist; NA = Nachrichtenagentur; R= Redaktion; E = Empfänger; ICT = Information and Communication Technology
Die aktuelle Medienlandschaft ist von einem äußerst dynamischen Wandel
betroffen. Die klassische Printwelt wird zunehmend durch eine digitale
Medienwelt überlagert und nicht selten an die Seite gedrängt. Die neuen Medien
eröffnen neue Kommunikations-, Produktions- und Distributionspraktiken. Der
Übergang vom Blei- zum Fotosatz war dramatisch genug, und doch war es
immer die klassische Welt, in der die Print-Medien erstellt, gedruckt und
vertrieben wurden. In der neuen digitalen Welt stimmen die alten Abläufe nicht mehr, sie sind
schlicht nicht mehr erforderlich. Content ist fast beliebig verfügbar, der Leser,
wie wir ihn früher kannten, wird zum individualisierten Nutzer. Gedruckt wird nur
bei Bedarf. Print-on-demand und print-on-order ermöglichen eine vorher nie da
gewesene Variabilität in der Nutzung. Wahlweise können Printmedien für
zahlreiche Enduser in der gleichen Art gedruckt werden oder es können beliebig viele verschiedene Versionen für beliebig viele Enduser nachgefragt werden. Die
Möglichkeiten sind exponentiell gestiegen. Auch die Vertriebskanäle sind anders
als vorher: auf einmal werden Links auf Twitter, Facebook und Google News etc
wichtig. Die Informationsquellen sind nicht mehr in der Hand der Agenturen. Der
User wird aktiver Bestandteil der Nachrichten/Content-Welt, er konsumiert
Informationen, aber er liefert und bewertet zugleich auch Informationen.
Dem Journalisten kommt nicht mehr die „Gatekeeper“-Funktion zu, die Nachricht
von der Quelle zum Nutzer zu bringen. Die Nachricht kann mit Hilfe des Netzes
(Web 2.0) auch vom Nutzer zum Nutzer laufen. Und das deutlich schneller.
Nachrichten sind in digitaler Echtzeit verfügbar, nicht am Tage darauf am Kiosk
oder im Briefkasten. Die Informationswege, angefangen von der Quelle über
Journalisten, Nachrichtenagenturen und Redaktionen werden von Twitter,
Youtube und anderen übersprungen. Zwischen der Quelle und dem Empfänger
gibt es nur den Blogger und das Internet. Filter- und Bearbeitungsfunktionen,
wie wir sie von Journalisten in Nachrichtenagenturen und Redaktionen kennen,
entfallen aus Zeit- und Kostengründen bzw. werden durch neue Methoden und
Techniken des Bloggens in Zusammenarbeit mit den Nutzern nachempfunden.
Der Informationsfluss wird direkter und vernetzter (Social Media). Es bilden sich
Interessen-affine Communities (Social Networks) wie Facebook, StudiVZ oder
Xing. Der Journalismus kommt nicht mehr mit. Ist er deshalb am Ende ein
Auslaufmodell?
Versteht man die vierte Gewalt als eine essentielle Stütze der Demokratie (vgl.
Abbildung 2 und 3), so zeigt sich hier, dass sie dem Medienwandel unterworfen
ist und noch keine rechte Antwort darauf weiß. Die Instrumente, Akteure und
Institutionen der vierten Gewalt ändern sich. Gleichzeitig ändert sich der
Medienmarkt, der in der klassischen Welt vorrangig lokal oder regional
aufgestellt ist, in der digitalen globalisierten Welt. Er wird eben global und
besetzt teilweise zugleich Nischen, etwa mit Fachblogs für bestimmte Themen.
War früher das Printmedium die kleinste mediale Einheit, so ist heute der Artikel,
der Content, losgelöst vom digitalen Ursprungsort die kleinste Einheit. Jeder
Empfänger kann sich sein eigenes digitales Medium zusammenstellen, ob er es in
Print oder am Schirm oder am Handy oder anderen neuen
Verbreitungstechnologien nutzt. Somit hat sich auch die Sender-Empfänger-
Beziehung geändert, da der Empfänger zunehmend mehr Wahlfreiheiten für die
Informationsabfrage erhält. Der Empfänger wird zum Souverän, der nicht mehr
zwischen Zeitung A und B wählt, sondern zwischen einzelnen Inhalten. Im Web
2.0 kann jeder User zum Sender und Empfänger werden.
Herausforderungen
Muss der klassische Journalismus neue Wege gehen?
Der klassische Journalismus muss sich der Frage stellen, ob er neue Wege gehen
kann und will, um im harten Wettbewerb zu bestehen. Den Markt teilen sich
nicht mehr einzelne große Zeitungen auf, der Markt ist volatil geworden, er fragt
nach Hits und nicht nach 1000er-Leser-Preisen, er ordert seine Anzeigen schnell
und gnadenlos verwertungsorientiert. Marketingmethoden werden komplexer
und durchdringender. Imagefaktoren geraten ins Hintertreffen. Auch der Leser
entfernt sich aus der Leser-Blatt-Bindung, wenn das Blatt zum Blättchen wird,
das seinen gestiegenen, geänderten und zunehmend personalisierten
Informations- und Unterhaltungsansprüchen nicht mehr genügt.
Die Zeitung und Zeitschriften müssen dem Rechnung tragen. Sie werden Teil
eines Netzwerks, dem es nicht mehr nur um Content, sondern vor allem auch um
die Verlinkung zu neuen sozialen Gemeinschaften und einen Mix aus klassischem
und digitalem Journalismus geht. Das eröffnet neue Spielräume auch für den
Journalismus, neue Geschäftsmodelle entstehen.
So verkündete jüngst die New York Times (1), dass ihr Internetauftritt demnächst
kostenpflichtig sein wird. Das Hamburger Abendblatt verlangt bereits jetzt eine
Gebühr für seine Online-Artikel.
Die Generierung neuer Geschäftsmodelle muss nicht zwingend zu einer
kompletten Verdrängung der alten Geschäftsmodelle führen
Wie sollen im Web 2.0 oder demnächst in Web 3.0 Umsätze generiert werden
und wie rechnet sich das? Alte Geschäftsmodelle brechen weg, fast alle
Zeitungsumsätze sind stark rückläufig. Gepaart mit hohen Produktions- und
zunehmend weniger skalierbaren Vertriebskosten, da die Leserschaft rückläufig
ist, bedeutet dies krisenhafte Erscheinungen, welche die Treue der Leser und
Anzeigenkunden zusätzlich unterminiert. Zeitungen können mit APIS (application
programming interfaces) Content z.B. für ein Mashup oder einen Remix
zugänglich machen oder Weblog-Tools und Repackage-Werkzeuge zur Verfügung
stellen.(2)) Zeitungen oder Journalisten können Kooperationen eingehen, indem sie
auch andere Journalisten oder Blogger den Inhalt (z.B. auch den Online-Auftritt)
mitgestalten lassen, wobei sie jedoch eine gewisse Kontrollfunktion im Sinne des
Qualitätsmanagements gleichwohl ausüben sollten. Dadurch werden die Medien
in den Medien wieder zum Gesprächsstoff (Metamedien), die Verlinkungen nach
sich ziehen und zu mehr AIDA = Attention, Interest, Desire und Action führen.
Die Action besteht in diesem Fall nicht wie in der klassischen Werbewelt im Kauf
eines Produktes, sondern in den Klickrates oder bei Filmen auf Onlineportalen in
Add Impressions, die wiederum für Anzeigenkunden interessant sind.
Die Produktqualität wird immer besser und Wertschöpfungsketten werden
verlängert, da die kleinste digitale Einheit auf verschiedene Art und Weise
nutzbar ist, als Printausgabe, als E-Artikel, als Newsfeed, im Rahmen von Bloggs,
Meinungsportalen etc. Jeder Verlag muss entscheiden, welche Elemente des
klassischen Journalismus er aufrecht erhalten will und welche Chancen im
digitalen Journalismus genutzt werden sollten. Es geht nicht nur um die
Verbindung beider Welten, sondern es gilt, Akzente zu setzen, um eine Brand
(Marke oder Markenstrategie), aber auch Werte hochzuhalten, die für die
demokratische Ordnung von herausragender Relevanz sind.
Im Web 2.0 muss nicht die Größe entscheidend für den Erfolg eines
Unternehmens sein. Klein bedeutet neuerdings groß(3). Das Internet schafft neue
Möglichkeiten, weil Teile der Wertschöpfungskette in dieser kommunikativen Welt
viel kostengünstiger geschaffen werden können. Kunden sind schneller
erreichbar, Vertrieb und Produktion ist nahezu kostenlos, selbst die Produktion
im Bereich Film ist im Internet problemlos. Jeder kann einen Film über Youtube
verbreiten. Es gibt mittlerweile Blogs, die mehr Datenverkehr und Links haben
als die Website großer Medienkonzerne. Außerdem ist das neue NachrichtenÖkosystem
wirtschaftlicher als der klassische Printjournalismus, da der geringere
Papierkonsum ganz im Sinne der aktuellen Nachhaltigkeit in Produktion und
Vertrieb steht.
Wie können klassische Journalisten attraktiv für (Twitter-) Follower
werden bzw. welche Funktionen können sie im Web 2.0 übernehmen?
Im klassischen Journalismus konnten die Journalisten Leser an sich binden, man
wusste, in welchem Medium, in welcher Kolumne man sie findet und für welches
Ressort und welche Grundhaltung sie standen. Jetzt ist die Nachricht, die der
Empfänger sucht, oft nur einen Mausklick entfernt; für den Leser ist der
Verortung der Nachricht zweitrangig, entscheidend ist vielmehr, dass er sie
findet. Gleichzeitig ist die Zahlbereitschaft des Lesers sehr gering. Die Kunst
besteht jetzt für den Journalisten oder den Verlag darin, dass sie Leser an sich
binden, indem sie Informationsbegehrlichkeiten durch Verlinkung auf
verschiedene Social Media Sites wecken und sich somit eine unverkennbare
Markeschaffen. Dahin wird ihm auch ein Anzeigenkunde folgen bzw. dem
Journalisten auch ein Verlag oder Online-Redakteur. Nur die Verlinkung von
Nachrichtenseiten mit spezifischem, unverwechselbarem Content wird dazu
führen, dass man von Suchmaschinen hoher Präzision „gefunden“ wird und dass
damit Werbungseffekte erzielt werden können, die zudem extrem kosteneffizient
sind.
Der Journalist wird sich zumindest in manchen Gebieten mit sehr guten
Spezialisten-Bloggern messen müssen, da diese auch zum Teil über gutes
Fachwissen verfügen können. Einige Zeitungen machen sich dieses Wissen der
Blogger zunutze und stellen diese bereits ein. Der Journalist muss sich dem
Wettbewerb stellen, er muss die Angebote des Web 2.0 aktiv nutzen, um seine
Qualifikationen in geändertem Umfeld zur Geltung bringen zu können. Sein
Dilemma ist, dass er anders als der Hobby-Schreiber für seine Beiträge eine Entlohnung benötigt, die mehr seiner Bedeutung für die vierte Gewalt als dem
wirtschaftlichen Umfeld der Veröffentlichung folgt. Er muss sich selbst als Marke
in der neuen Medienwelt etablieren, die es dann zu vermarkten gilt.
Zudem kann der einzelne Journalist oder Blogger auch eine systemische
Wertschöpfung generieren, in dem er es zulässt, dass andere Blogger oder
Journalisten mit am Content arbeiten und diesen fachkundig ergänzen. Wikipedia
liefert ein plastisches Beispiel dafür. Der einzelne Journalist wird zunehmend zu
einem eigenständigen Unternehmer.
Die vierte Gewalt als demokratisches Korrektiv zur demokratischen
Kontrolle von Machtstrukturen in Wirtschaft und Politik muss geschützt
werden
Der investigative Journalismus setzt hohe Ansprüche an die Qualität und
Recherche der Journalisten und ist damit besonders kostspielig. Es geht um die
Aufdeckung von skandalös empfundenen Ereignissen in Politik, Wirtschaft und
Gesellschaft. Es steht eine zu fördernde Wahrheitsfindung an oberster Stelle. In
Amerika wird der investigative Journalismus bereits über Stiftungen gefördert,
weil er sich nicht mehr „rechnet“. Dieses Modell ließe sich auf Deutschland
übertragen, wenn man ihn berechtigter Weise nicht zu einer staatlichen
Einrichtung machen wollte.
Dass die Zeitungen trotz ihrer wirtschaftlichen Abhängigkeit von den
Anzeigenkunden eine demokratische Funktion wahrnehmen konnten, war dem
Selbstverständnis der Verleger geschuldet, die lieber auf eine Anzeige
verzichteten, als dem Kunden nach dem Mund zu schreiben. Das ist vorbei, in
Print zunehmend, im Netz sowieso. Die Verleger werden zunehmend ersetzt
durch Manager, die alleine den wirtschaftlichen Gegebenheiten verpflichtet sind.
Die Anzeigenkunden sind kompromissloser, weil sie vielleicht sogar bessere
Alternativen zur Erreichung ihrer Ziele haben. Das Internet ist so in seiner
jetzigen Form weitestgehend eine Welt ohne ausgeprägtes berufliches Ethos.
Die Kommerzialisierung der digitalen Medien wird die Pressefreiheit nachhaltig
beeinflussen: Die Verlinkung von Social Networks wie Twitter und Co. mit
Giganten wie Google (News) oder Microsoft wird zu einer zunehmenden
Kommerzialisierung der digitalen Medien führen, ohne dass die Verlage, schon
gar nicht die heimischen Zeitungsverlage daran teilhaben dürfen. Dies wird nicht
zu stoppen sein, es wird sich, wie in Print üblich, ein Spannungsfeld zwischen
Werbung und Redaktion aufbauen. Allerdings wird die Redaktion eine deutlich
schwierigere Position haben als bisher, da sie die Herrschaft über die Inhalte,
über den Content, leichter zu verlieren droht. Dieser ist überall (nahezu)
kostenlos erhältlich. Soll man diesen Content, soll man Twitter als Form einer
demokratischen Kontrolle fördern? Wohl nicht, weil er keinen auswählenden und
beurteilenden, das heißt bewusst gefilterten Journalismus darstellt. Twitterer
erfüllen eher eine Funktion als authentische Nachrichtenvermittler von „breaking
news“, dies aber nur ungefiltert und unrecherchiert. Eben ohne die Funktion
qualitativer Journalisten mit entsprechendem Background für die jeweilige
Nachricht bzw. Reportage.
Aber die fehlende Akzeptanz dieses Contents ist kein Grund zur Beruhigung. Der
Qualitätsjournalismus muss bestrebt sein, seinen Wert zu erhalten und sich für Wahrheitsfindung und ehrliche Berichterstattung einzusetzen.
Korrektivfunktionen könnten in der demokratischen Kontrolle der Netz-Angebote,
dem Review von Online-Redaktionen oder der Wahrheitsfindung über staatliche
Einrichtungen bestehen.
Der Qualitätsjournalismus muss mehr als jemals zuvor bestrebt sein, allen
Manipulationsversuchen zu widerstehen. Sonst wird er sich in der Öffentlichkeit
nicht in bewährter Weise behaupten können und eher ein Nischendasein fristen.
Web 2.0 ermöglicht hochgradig spezialisierten Nischen-bzw.
Qualitätsjournalismus
Einerseits wird es eine inhaltlich flache Grundversorgung mit Entertainment und
Information geben, sodass jeder die Informationen findet, die er meint, finden zu
müssen. Andererseits wird es aber auch Qualitätsjournalismus für Individualisten
und kleine Elite-Gruppen geben. Der journalistische Content kann im Web 2.0
redaktionell durch andere Blogger, Spezialisten perfektioniert werden. Dies
werden sich die Verleger zu nutze machen, in dem sie Internet-Plattformen,
Blogger und Nischenzeitungen fördern. Die Elite-Gruppen werden in diesem
Modell bereit sein, einen Betrag für nicht öffentliche Web-Dienste zu zahlen.
Stiftungen treten in diesem Modell als Verleger auf.
Der Qualitätsjournalismus stößt aber dort an seine Grenzen, wo er nicht
durchsetzbar ist, so z.B. bei Twitter. In Twitter können auch Avatare auftreten.
In der digitalen Welt des Qualitätsjournalismus sollten Akteure authentisch sein
und sich nicht hinter dem Schutz des Avatars verstecken können. Pseudonyme
hat es immer gegeben, aber der Avatar, die losgelassene, autonome
Menschmaschine hat hier nichts zu suchen.
Die Interaktion zwischen Sender und Empfänger und zwischen Usern
untereinander stellt einen nie dagewesenen Paradigmenwechsel dar
Das Interesse an der medialen Teilhabe des Nutzers wird sich nicht mehr auf
Grundbedürfnisse seiner Information, sondern auf seine Selbstverwirklichung
durch Kommunikation konzentrieren. Dieser fundamentalen Veränderung in der
Bedürfnisnachfragestruktur wird die Logistik der Versorgung Rechnung zu tragen
haben.
Die gesellschaftspolitische Meinungsbildung wird sich im digitalen
Zeitalter ändern
Die vierte Gewalt kann die Mauern zwischen denen, die Zugang zu Informationen
und Bildung haben, und den an diesem Prozess nicht Beteiligten leichter
niederreißen als früher, weil der Zugang zum Netz zunehmend von sozialen
Faktoren unabhängig wird. Aber es fällt schwerer, diesen Willen zu definieren
und durchzusetzen, weil Widerstand und Desinteresse manifest sind. Daher kann
sie es nicht alleine. Hier muss der Staat helfen.
Die Wechselwirkung zwischen den Gewalten im digitalen Zeitalter sind zu
thematisieren. Die vierte Gewalt ist nicht unabhängig von Exekutive und
Legislative. Durch Internettechnologien und soziale Netzwerke muss die Bejahung des
Staates und seiner demokratischen Strukturen belebt werden. Die politische
Meinungsbildung muss hier neben Schulen, Universitäten und klassischen Medien
einen neuen Raum finden.
Die Meinungsbildung im parlamentarischen Raum muss durch die Einbindung
digitaler Möglichkeiten auf eine breitere Basis gestellt werden. Der Staat sollte
die Aufgabe haben, dass Plattformbetreiber im Sinne der vierten Gewalt keine
Manipulation (Filterung – wie Google in China) durchführen dürfen. Dies sollte
rechtlich verankert werden.
_______________________
(1) Vgl. http://nymag.com/daily/intel/2010/01/new_york_times_set_to_mimic_ws.html
(2) Jeff Jarvis (2009): Was würde Google tun? S. 214f
(3) Jeff Jarvis, ebenda, S. 218
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