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Am 26. und 27. März 2009 im Hotel Vier Jahreszeiten, Westerland/Sylt
Weitere Informationen unter: www.sylter-runde.de

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Memorandum Sylter Runde

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Finanzkrise und Informatik - Tragen IT-Anwendungen eine Mitschuld?

Finanzkrise und Informatik - sylter-runde.de

Ausgangslage

Seit Juli 2007 führen – wie aus den Medien hinlänglich bekannt - die Verwerfungen auf dem Markt für zweitklassige Hypothekenkredite (Subprime) in den USA zu negativen Auswirkungen auf alle Bereiche des globalen Finanzsystems und auf die Weltwirtschaft. Grundlage der Finanzmarktkrise bildete das seit Mitte der 90er Jahre in den USA stark ausgeweitete Kreditvolumen, welches mit niedrigen Zinsen, aufgeweichten Anforderungen der Banken an die Kreditvergabe und Anreizstrukturen mit einem asymmetrischen Verhältnis von Chancen und Risiken zwischen den einzelnen Marktakteuren einherging. Dies alles führte zu einer erhöhten Nachfrage nach Immobilien, deren Preise in Folge stiegen. Hypothekenkredite wurden in großer Menge an Kreditnehmer mit zweitrangigen Bonitäten vergeben, denen dabei im Wesentlichen Spekulationen auf weiterhin hohe bzw. steigende Immobilienpreise und weiterhin niedrige bzw. sinkende Zinsen zu Grunde lagen. Diese Hypothekenkredite wurden dann an Zweckgesellschaften (special purpose vehicle – SPV) verkauft und somit aus den Bilanzen der Hypothekenbanken entfernt. Die Kredite wurden als Wertpapiere verbrieft und an zahlreiche Akteure des globalen Finanzsystems (Hedge Fonds, Banken, Investoren, Versicherer etc.) verkauft. Kreditrisiken wurden somit weltweit verteilt. Die Komplexität der Verbriefungsprozesse führte dazu, dass keine Transparenz darüber bestand, wer welche Risiken trägt und welche Interdependenzen zwischen den Risiken bestehen. Als dann die Preise auf den Immobilienmärkten fielen und auf Preissteigerung basierende Finanzierungen zusammenbrachen, stürzten die Kurse der Wertpapiere mit der Folge massiver Abschreibungen bei den Investoren ab. Dies führte weltweit bei den Banken zu Verwerfungen, in deren Folge eine große Welle von Bankinsolvenzen auftrat. Die Insolvenzen wiederum zogen eine Vertrauenskrise im Interbankengeldmarkt nach sich. Die Banken liehen sich gegenseitig kein Geld mehr, die Liquidität am Markt, auf welche viele Geschäftsmodelle der Banken aufbauten, versiegte. Einen Höhepunkt erreichte die Vertrauenskrise mit der Insolvenz der damals viertgrößten Investmentbank Lehman Brothers Inc. am 15. September 2008. Über die Interdependenzen und Verflechtungen der Finanzinstitutionen treffen die Auswirkungen nunmehr global und fast durchgängig alle wirtschaftlichen Bereiche, so dass auch die Realwirtschaft betroffen ist.

Rolle der Informatik in der Krise

Bei der Frage nach dem Umgang mit der Krise und einer zukünftigen Vermeidung ist auch zu klären, inwieweit die Informatik, die eine wichtige Bedeutung für die Finanzmärkte hat, somit auch potenziell mitverantwortlich für die derzeitige Krise ist. Im Kontext der internationalen Finanzmärkte macht die Informatik als Grundlage der Informationslogistik die Geschäftsprozesse überhaupt erst möglich; sie spielt die Rolle eines "Enablers".
Im Folgenden sollen anhand von Fallbeispielen wichtige Schwachstellen der Finanzmarktkrise vorgestellt werden. Soweit IT-Anwendungen dabei relevant sind, wird an entsprechender Stelle darauf hingewiesen.

Banken verkauften Produkte, wobei sie weitgehend Erträge daraus realisierten, die Risiken aber teilweise auf Dritte übertrugen

Im Zusammenhang mit den Verbriefungsstrukturen bereitete vor allem die sog. Originate-to-Distribute-Strategie Probleme. Hierbei wurden eigene, im Normalfall gut besicherte Kreditforderungen (z.B. durch Hypotheken besicherte Hausbaukredite) im Falle der sog. traditionellen Verbriefungsstrukturen (True Sale) an Zweckgesellschaften (SPV) verkauft. Diese bündelten die Forderungen zu neu gemischten Portfolios, die wiederum in einzelne Tranchen mit unterschiedlichem Risikogehalt aufgeteilt und dann weltweit als hypothekenbesicherte Wertpapiere in verschiedenen Ratingklassen abgegeben wurden.
Bei synthetischen Verbriefungsstrukturen wurden die Kreditrisiken aus den Forderungen bspw. an Zweckgesellschaften übertragen. Der Reiz für die ausgebende Bank bestand unter anderem darin, dass für die mittels synthetischer Verbriefungen an bspw. Zweckgesellschaften übertragenen Kreditrisiken in den meisten Fällen weniger Eigenkapital vorgehalten werden musste. Die Bank hatte die Kreditrisiken über teils sehr komplexe Konstrukte mit Hilfe von Kreditderivaten (z.B. CDS = Credit Default Swaps und CLN = Credit Linked Note) an SPVs übertragen und konnte dadurch über solche Transaktionen weitgehend risikolos Erträge erzielen. Da die den verbrieften Wertpapieren zugrundeliegenden Kreditforderungen im Subprime-Markt aber nicht angemessen besichert waren, wurden am Ende teilweise nicht werthaltige Forderungen in Form von sog. toxischen Papieren verbrieft. In diesem Fall trugen die Investoren am Ende des Verbriefungsprozesses das Risiko der minderwertigen hypothekenbesicherten und verbrieften Forderungen, der sog. subprime residential mortgaged backed securities (RMBS).

Fristeninkongruente Finanzierung des Aktivgeschäfts

Die nicht fristenkongruente Refinanzierung kann - wie die Praxis in vielen Fällen gezeigt hat – eine wesentliche Ursache einer Schieflage einer Bank darstellen. Eine fristeninkongruente Finanzierung basiert grundsätzlich auf der Annahme stets liquider Märkte. Sind die Märkte liquide und die kurzfristigen Zinsen niedriger als die langfristigen Zinsen (vgl. normale Zinsstrukturkurve), kann durch eine fristeninkongruente Finanzierung eine Zinsarbitrage generiert werden. Versiegt jedoch die Liquidität am Markt, so können die Assets nicht mehr am Markt finanziert werden. Die Folge ist ein kurzfristiger, enormer Liquiditätsbedarf, dem oftmals eine nur sehr geringe Eigenkapitalunterlegung gegenüber steht.

Schwachstelle Risikomanagement: Das Risikomanagement bildet nicht alle relevanten Risiken und deren Interdependenzen ab.

Das Risikomanagement wird größtenteils mit IT-Unterstützung betrieben. Beim Risikomanagement kommen finanzmathematische Entscheidungsmodelle zum Einsatz, welche die Entscheider befähigen sollen, die tatsächlichen Ausfallrisiken der strukturierten Produkte zu berechnen, zu bewerten und zu steuern. Aber gerade mehrfach strukturierte Wertpapiere wie Collateralized Debt Obligations (CDOs) zeichnen sich durch spezielle Risikostrukturen und Abhängigkeiten aus, die von den Modellen nicht vollständig bzw. sogar fehlerhaft abgebildet wurden. So zeigte sich in der Krise, dass die eingesetzten Modelle insbesondere bei systemischen Krisen und illiquiden Märkten (siehe fristeninkongruente Finanzierung) keine zuverlässigen Ergebnisse liefern konnten. Gerade Liquiditätsrisiken wurden oft nicht ausreichend abgebildet.

Schwachstelle Rating: Die verwendeten Ratingmodelle bilden die Realität nur unzureichend ab. Ratingagenturen handeln nicht unabhängig.

Auch die Ratingagenturen verwendeten für die Berechnung und Erstellung der Ratings für die komplexen, mehrfach strukturierten Wertpapiere finanzmathematische Modelle, welche die tatsächlichen Risiken der Wertpapiere nur unvollständig und teilweise sogar fehlerhaft abbildeten. Dementsprechend besaßen die Ratings eine nur sehr eingeschränkte Aussagekraft über die tatsächlichen Risiken der komplexen Wertpapiere und waren als Grundlage für Investitionsentscheidungen nur sehr bedingt tauglich. Jedoch verließen sich zahlreiche Investoren in großem Maße auf die Ratingurteile der Agenturen. Für Ratingagenturen gehörte bislang das Rating von strukturierten Produkten und Verbriefungstransaktionen nicht zum Kerngeschäft (=Rating von Corporates). Expertise auf diesem Gebiet fehlte daher. Ein weiteres Problem stellt das Verhältnis zwischen Ratingagentur, Emittent und Investor dar. Einerseits stützten sich insbesondere die Investoren bei ihren Investitionsentscheidungen überwiegend auf die Ratingurteile. Andererseits beziehen die Ratingagenturen jedoch von den Emittenten bzw. den unterstützenden Investmentbanken ihre Vergütung für das Erstellen der Ratings der strukturierten Wertpapiere. Entsprechend diesem Dilemma dürfte es eher dem Anreiz der Ratingagenturen entsprochen haben, die Kundeninteressen der Emittenten für ein möglichst gutes Rating der Wertpapiere zu befriedigen und damit hohe Gebühren zu vereinnahmen, anstatt ein objektives Rating im Interesse der Investoren zu erstellen.

Anreizstrukturen der am Verbriefungsprozess beteiligten Akteure ermöglichten „Win-Lose“-Beziehungen

Die vorherrschenden, für die zugrunde liegenden Verbriefungsstrukturen charakteristischen Anreizstrukturen zeichneten sich durch ein asymmetrisches Verhältnis von Chancen und Risiken aus. Dadurch wurden „Win-Lose“-Beziehungen ermöglicht, welche eine zentrale Ursache der Krise bilden. Hohes Risiko wurde im positiven Fall stark belohnt, im negativen Fall waren die Incentive-Empfänger nicht oder zumindest nicht symmetrisch betroffen. Dies zeigt sich z.B. an den derzeit überall in der Kritik stehenden, teilweise überzogenen Gehalts- und Bonusregelungen.
Ein weiteres Beispiel für „Win-Lose“ - Beziehungen stellt die Beziehung zwischen Kreditgeber und Schuldner dar. Durch die Verbriefung von Kreditforderungen konnten die Banken das Risiko der Kredite weitergeben und sichere Erträge erzielen. „Während das traditionelle Kreditverhältnis langfristig ausgelegt ist, waren die Hypothekenbanken mit der Möglichkeit, vergebene Kredite gegen eine sichere Prämie zur Verbriefung an SPVs zu verkaufen, zunehmend an kurzfristigen Provisionserträgen interessiert. Da die Hypothekenbanken mit dem Verkauf auch die Risiken der Kreditforderungen transferierten, entstand zudem der Anreiz, die Kreditvergabe unter anderem dadurch zu steigern, dass sie auf einkommensschwache Gesellschaftsschichten mit schlechter Bonität ausgeweitet wurde.“ Es bestand also ein klassisches Problem des Moral Hazard.

Die Führungsinformationssysteme der Kontrollorgane haben versagt.

Ungeachtet der ökonomischen Krisenursachen haben darüber hinaus auch die Führungsinformationssysteme und zwar insbesondere die für die Kontrollorgane versagt. Dies hatte viele Gründe wie z.B. die erhöhte Komplexität des Überwachungsgegenstands, die immanenten Schwächen der verwendeten Modelle zur Berechnung, Bewertung und Steuerung der Risiken, die teils politisch und nicht fachlich motivierte Auswahl der Mitglieder der Kontrollgremien, der zuweilen einseitige Informationsfluss ausschließlich von Vorstandsmitgliedern und nicht auch vorstandsunabhängigen Personen zu den Aufsichtsräten sowie insbesondere die mangelnde bzw. erschwerte Sicht auf das Gesamtrisiko (total risk exposure) des Unternehmens.

In der Finanzwelt wurden elementare kaufmännische Sitten nicht beachtet.

Eine wesentliche kaufmännische Tugend ist, dass der Kaufmann Produkte, welche er nicht vollständig versteht, zumindest nicht in einem Volumen kauft, das im negativen Falle existenzbedrohend ist. In den Jahren vor der Finanzkrise haben manche Investoren aber gerade Produkte (z.B. hochkomplexe CDOs) im großen Stil – weit höher als ihr Eigenkapital - gekauft, ohne dass diese wirklich Produkt- und Risikodetails verstanden haben bzw. verstehen konnten.
Es ist fraglich, ob die Führungskräfte von bspw. Banken wirklich immer wussten, was und mit welchen Risiken gekauft wurde. Hätten sie es gewusst, so hätten sie zumindest aus Risikomanagementaspekten diese Transaktionen anders (z.B. erhöhte Eigenkapitalunterlegung dieser Geschäfte) managen müssen, um dem Risiko gerecht zu werden. Zudem bleibt fraglich, ob die Kontrollorgane von Banken wussten und einschätzen konnten, an welchen Verbriefungstransaktionen sich die Banken mit welchem Risiko bspw. über die Vergabe von Liquiditätslinien (bei fristeninkongruenten Verbriefungen) beteiligten.

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